Wenn alle gleichzeitig telefonieren
Nach einem Erdbeben waren Mobilfunknetze zeitweise überlastet. Dafür mussten sie nicht großflächig beschädigt sein.
Wie erreichen Sie Ihr Team, wenn das Netz funktioniert, aber niemand durchkommt?
Primary, Alternate, Contingency, Emergency: eine Rangfolge der Kommunikationswege, belegt in militärischen und behördlichen Quellen. Welche Technik die Ebenen besetzt, legt jede Organisation selbst fest.
Von hoher Kapazität bis zur Netzunabhängigkeit: was jede Ebene leistet, wovon sie abhängt und wofür sie sich eignet. PACE beschreibt Funktionen und eine Rückfallreihenfolge. Welches System eine Ebene besetzt, entscheidet sein Übertragungsweg, nicht die Produktkategorie.
Glasfaser, Festnetz, Breitband-Internet, VoIP, Mobilfunk im Alltag
Diese Ebene haben Sie bereits. Hohe Kapazität, schnelle Übertragung, komfortabel im Normalbetrieb.
5G / 4G / LTE, Satellitenverbindung, IP-Funk über fremde Netze
Ein zweiter Weg über Netze außerhalb Ihrer Regelinfrastruktur, getrennt von der eigenen IT und damit auch im Cyberfall nutzbar.
Betriebsfunk analog oder digital, BOS-Digitalfunk, 450-MHz-Netz der Energiewirtschaft, IP-Funk über eigene, notstromversorgte Infrastruktur
Kommunikation über eigene Netze oder gehärtete Sondernetze, unabhängig von öffentlichen Netzen und mit Notstrom auch im Blackout.
Kurzwelle, HF-Datenfunk mit PACTOR
Die letzte Rückfallebene. HF-Datenfunk kann große Entfernungen überbrücken, ohne öffentliche Telekommunikationsnetze als Übertragungsweg zu benötigen. Voraussetzung sind betriebsbereite Stationen, geeignete Antennen, eine unabhängige Energieversorgung, passende Frequenzen und geeignete Ausbreitungsbedingungen.
Krisenkanal im Detail: HF-Datenfunk · PACTOR-Modems bei WiMo
Kein System ist in jedem Szenario verfügbar. Die Matrix zeigt die typische Verfügbarkeit je Ausfallszenario. Sie ist eine Orientierung, keine Verfügbarkeitsgarantie: Sie setzt eine geeignete Systemarchitektur, betriebsbereite Gegenstellen und eine zum Szenario passende Energieversorgung voraus.
| Ausfallszenario | Primärkanal öffentliche Netze und eigene IT |
Ausweichkanal fremde Netze auf anderen Pfaden |
Notfallkanal eigene oder Sondernetze¹ |
Krisenkanal Weitverkehr ohne fremde Infrastruktur² |
|---|---|---|---|---|
| Lokaler Stromausfall (ein Standort betroffen) | eingeschränkt | verfügbar | verfügbar | verfügbar |
| Überlastung der öffentlichen Netze (Großereignis, keine Schäden) | nicht verfügbar | nicht verfügbar | verfügbar | verfügbar |
| Mobilfunkausfall (Störung oder Ausfall eines Betreibers) | eingeschränkt | eingeschränkt | verfügbar | verfügbar |
| Internetausfall (Provider oder Backbone) | nicht verfügbar | eingeschränkt | verfügbar | verfügbar |
| Cyberangriff auf die eigene IT | nicht verfügbar | verfügbar³ | verfügbar | verfügbar |
| Flächiger Blackout (Region oder Land, mehrere Tage) | nicht verfügbar | nicht verfügbar | zeitlich begrenzt⁴ | verfügbar⁵ |
| Meldung an eine Gegenstelle außerhalb des Schadensgebiets | nicht verfügbar | eingeschränkt | eingeschränkt⁶ | verfügbar⁷ |
¹ Typische Bausteine: eigener Betriebsfunk sowie Sondernetze wie BOS-Digitalfunk und das 450-MHz-Netz. Die Sondernetze werden bundesweit betrieben, stehen aber nur berechtigten Nutzergruppen offen und setzen eine Zuteilung voraus. Wie lange sie im Blackout tragen, hängt von der Notstromauslegung des Betreibers ab; für das 450-MHz-Netz nennt der Betreiber mindestens 72 Stunden. ² Typischer Baustein: HF-Datenfunk (PACTOR). Überträgt Text und strukturierte Daten, keine Multimedia-Inhalte. Die Verfügbarkeit hängt in jedem Szenario zusätzlich von Frequenz und Ausbreitungsbedingungen ab. ³ Sofern als getrenntes System betrieben, nicht über das kompromittierte Firmennetz. ⁴ „Zeitlich begrenzt“ heißt: Die Ebene läuft, solange die Notstromversorgung trägt. Die eigentliche Kenngröße ist damit die Autonomiezeit: Batteriekapazität, Kraftstoffvorrat und die Frage, ob im Blackout nachgetankt werden kann. ⁵ Setzt eine autarke Stromversorgung voraus. Der Energiebedarf hängt vor allem von Sendeleistung und Sendedauer ab; kurze Textmeldungen halten die Sendezeit gering. Batterie und Photovoltaik verlängern die Betriebszeit. Begrenzend ist oft das eingewiesene Personal. ⁶ Innerhalb der eigenen Nutzergruppe auch überregional möglich, sofern das Sondernetz läuft. Stellen außerhalb der Nutzergruppe nur über Kopplungen an andere Netze. ⁷ Setzt eine betriebsbereite, vorab vereinbarte Gegenstelle voraus, siehe Kommunikationskette.
Der Funklink ist nur ein Teil der Kette. Eine Meldung ist erst angekommen, wenn die zuständige Stelle sie hat und der Absender das weiß.
Zwischen Station und Gegenstelle: Kurzwellenverbindung ohne öffentliche Netze
Das kann ein eigener Standort außerhalb des Schadensgebiets sein, eine Partnerorganisation oder eine vereinbarte Empfangsstation. Wer sie betreibt und wie sie weiterleitet, gehört in die Planung, nicht in den Ernstfall.
PACTOR überträgt fehlergesichert: Die empfangende Station quittiert die Datenblöcke, der Absender sieht, ob die Meldung vollständig angekommen ist.
Regelmäßige, automatische Statusmeldungen zeigen, ob die Verbindung zur Gegenstelle steht, bevor man sie braucht. Für den Betrieb außerhalb des Amateurfunks ist eine Frequenzzuteilung der Bundesnetzagentur erforderlich.
Konzeptionelles Beispiel. Es zeigt den Aufbau einer Meldekette, keine bereits bestehende Gegenstellen-Infrastruktur.
Ein Kommunikationssystem kann ausfallen, obwohl seine Technik intakt ist. Andere Ausfälle treffen gleich mehrere Infrastrukturen oder verhindern, dass vorhandene Rückfallwege genutzt werden. Vier Ereignisse zeigen, worauf es bei belastbarer Notfallkommunikation ankommt.
Nach einem Erdbeben waren Mobilfunknetze zeitweise überlastet. Dafür mussten sie nicht großflächig beschädigt sein.
Wie erreichen Sie Ihr Team, wenn das Netz funktioniert, aber niemand durchkommt?
Die Flut zerstörte Stromversorgung, Telekommunikationsleitungen und Mobilfunkstandorte. Mehrere Kommunikationswege fielen durch dieselbe Ursache aus.
Wie kommunizieren Sie, wenn verschiedene Netze gleichzeitig ausfallen?
Ein Cyberangriff auf das KA-SAT-Netz beeinträchtigte Satellitenverbindungen in der Ukraine und mehreren europäischen Ländern. Zahlreiche Satellitenmodems wurden unbrauchbar.
Was bleibt, wenn auch die vermeintlich unabhängige Ersatzverbindung ausfällt?
Bei Wartungsarbeiten verhinderte ein Softwarefehler die automatische Umschaltung auf das funktionsfähige redundante GSM-R-System. Der Zugverkehr wurde bundesweit vorübergehend eingestellt.
Funktioniert Ihre Rückfallebene auch dann, wenn die automatische Umschaltung versagt?
Redundanz muss mehr leisten als einen zweiten Übertragungsweg bereitzuhalten. Auch Stromversorgung, zentrale Komponenten, die tatsächliche Unabhängigkeit der Systeme und funktionierende Umschaltprozesse entscheiden darüber, ob Kommunikation im Krisenfall möglich bleibt.
Zu jeder Ebene gehört, wer den Ausfall feststellt, wer umschaltet und woher die Gegenstelle davon erfährt. Die entscheidende Frage lautet: Wann wurde Ihre letzte Rückfallebene zuletzt geübt?
„Es stellt sich heraus, dass es anscheinend nur funktioniert, wenn der Test angekündigt ist.“
PACE steht für Primary, Alternate, Contingency, Emergency. Das Konzept stammt aus der militärischen Führungsunterstützung und legt eine Rangfolge fest: die Reihenfolge, in der eine Organisation ihre Kommunikationswege durchläuft, bis eine Verbindung zustande kommt. Eine Veröffentlichung des US Army Maneuver Center of Excellence von 2013 definiert PACE als „order of communication precedence list“.
Auch im Behörden- und Katastrophenschutzumfeld wird PACE angewendet. Die US-Behörde für Cyber- und Infrastruktursicherheit CISA führt es als Planungsinstrument für die Notfallkommunikation.
Quellen: MAJ Michael S. Ryan, „A Short Note on PACE Plans“, in: Infantry, Juli–September 2013, S. 13, herausgegeben vom US Army Maneuver Center of Excellence. · CISA / NCSWIC Planning, Training and Exercise Committee: Leveraging the PACE Plan into the Emergency Communications Ecosystem.
Das Konzept schreibt keine Technik vor. Die Ebenen sind Rollen, keine Produktkategorien. Welches System eine Ebene besetzt, ergibt sich daraus, was eine Organisation tatsächlich betreiben und beherrschen kann; die Quelle nennt ausdrücklich Verfügbarkeit, Ausbildungsstand und die tatsächlichen Fähigkeiten als Kriterien.
Entscheidend ist der Übertragungsweg. Dasselbe IP-Funksystem kann über öffentliches Mobilfunknetz die Rolle des Ausweichkanals übernehmen und über eigene, notstromversorgte IP-Infrastruktur Teil des Notfallkanals sein. Die Lösungs-Matrix zeigt die möglichen Zuordnungen.
Ein zweiter Anbieter schützt, wenn ein einzelnes Netz gestört ist. Gegen gemeinsame Ursachen schützt er nicht zuverlässig: Beide Netze hängen an der Stromversorgung der Masten, nutzen häufig dieselben Standorte und Teile derselben Backbone-Infrastruktur und sind im Krisenfall gleichzeitig überlastet. Fällt die gemeinsame Basis aus, fallen beide Wege gleichzeitig.
Unterschiedliche Übertragungswege verringern das Risiko gemeinsamer Ausfälle. Entscheidend ist dabei, dass nicht nur die Übertragungstechnologien, sondern auch Stromversorgung, Standorte, Bediengeräte und organisatorische Abläufe ausreichend unabhängig sind. Darauf beruht die Staffelung in vier Ebenen.
In den verbreiteten Anwendungsbeispielen sind die ersten drei Ebenen technisch gut besetzt: Festnetz und Internet, dann Mobilfunk oder Satellit, dann eigene Funknetze mit Notstrom. Auf der letzten Rückfallebene endet die Aufzählung regelmäßig beim Boten, also bei einer Person, die eine Nachricht überbringt. Für einen meldepflichtigen Betreiber ist das keine belastbare Antwort: Eine Meldung, die innerhalb von 24 Stunden mehrere hundert Kilometer weit muss, überbringt kein Bote.
Diese Rückfallebene kann Kurzwelle besetzen. Sie überträgt Text und strukturierte Meldungen über große Entfernungen, ohne Mobilfunk, ohne Internet und ohne fremde Netzknoten, mit geringem Strombedarf und einer einfachen Drahtantenne. Die Ebenen davor ersetzt sie nicht.
Belegstellen für den Boten: University of British Columbia, Safety & Risk Services (2025) · Domestic Preparedness (2023).
Er ist besser als keiner, deckt aber nicht alles auf. Schon ein geplanter Test liefert Überraschungen: Beim ersten bundesweiten Warntag am 10. September 2020 erreichte die Probewarnung die Warn-Apps verzögert, weil ein Fehler in der Anwendungssoftware des Modularen Warnsystems mit dessen Überlastung zusammentraf. Beides war vorher nicht bekannt. Ein unangekündigter Test prüft zusätzlich, ob Personal, Zugang und Gerät im Ernstfall tatsächlich bereitstehen.
Quelle: Antwort der Bundesregierung, Bundestags-Drucksache 19/23413 vom 15.10.2020.
In einer ersten Bestandsaufnahme betrachten wir Ihre vorhandenen Systeme, gemeinsame Abhängigkeiten und relevante Ausfallszenarien. Sie erhalten eine erste Einschätzung, welche Rückfallebenen bereits belastbar sind und wo Lücken bestehen. 30 Minuten reichen für den Einstieg.